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Ku'damm 56 und 59

(Oder: eine bildliche Abhandlung der Misogynie, die ein klares Nein der Frau in ein Ja umdeutet)

 

 

Aus irgendeinem Grund dachte ich: Ey, könnte gut sein! -Vielleicht wird hier eine gute Geschichte erzählt. Wahrscheinlich sollte ich auf diese Hoffnung bei ZDF-Dreiteilern in Zukunft verzichten & mir damit die Zeit ersparen, die ich nun in Rage verbracht habe, in Wut über diesen gedanklichen Müll, dem da jemand aus der Feder geflossen ist.

Andererseits hat mich genau diese Geschichte und ihre Bedeutung im Jahre 2018 so wütend gemacht, das sie der Anlass ist, dass ich mich ab jetzt mit Themen wie diesen in meinem Blog auseinander setzen werde.

Also danke Annette Hess, Autorin dieser Reihe. Dafür, einen solch frauenfeindlichen, hanebüchenen Mist zu verfassen, der mich auf die Barrikaden bringt. Yay!

 

Ku’damm 56 und Ku’damm 59. Das ZDF hat investiert in eine opulente Requisite, die Serie Ku’damm 56 und die Fortsetzung 59 sind in dieser Hinsicht eine Augenweide. Auch in einen eigenen Soundtrack hat sie investiert, was der Serie, neben dem Marketing-Effekt, auch die notwendige liebenswerte Eigenheit verschafft.

Die Besetzung ist wunderbar, nur leider haben sie an einem gespart: einer guten Story.

Die Reihe soll von der allmählichen Emanzipierung der Frau in den fünfziger Jahren erzählen, einer Zeit, in der man versuchte, Homosexualität mit Hilfe von Elektroschocks zu „kurieren“.

 

Wie gesagt, hätte gut werden können. Leider war das Drehbuch so verliebt in seinen Soap-Opera-Charakter, dass es vergaß, Sinn zu machen, aufzuklären und seine Frauencharaktere ernst zu nehmen.

 

Das zum kurzen Überblick. Nun zum erbärmlichen Kernthema der Geschichte.

Ausgerechnet die Protagonistin, die den aufkeimenden Widerstand der Frauen gegen die Unterdrückung und Beherrschung durch den Mann in jenen Zeiten verkörpern soll, ist diejenige, die am Ende der 6.Episode glücklich und verliebt ihren ehemaligen Vergewaltiger heiratet.

 

Wunderbare Storyline, ich war nicht nur innerlich die ganze Zeit über diese Kernaussage angewidert und am Kotzen, ich konnte es einfach nicht fassen, dass es in 2018 eine Frau (die Autorin Annette Hess) schafft, solch einen frauenfeindlichen, vergewaltigungsverharmlosenden und romantisierenden Bullshit zu verfassen.

 

Die Protagonistin Monika wird in der ersten Folge brutal durch den damals nur flüchtig Bekannten Joachim Frank vergewaltigt (die Mutter Monikas zwingt diesem förmlich ein Date mit ihrer Tochter auf). In diesem Rahmen vergewaltigt Joachim Frank Monika, die sich mutig wehrt, von ihm schlussendlich jedoch überwältigt wird.

 

Monika fällt danach in einen tiefen Schock, ist traumatisiert und wird bei dem Versuch, sich in einem See zu ertränken, von ihrem Vater aus dem Wasser gezogen.

Ihre Mutter glaubt nicht ihrem, sondern Joachim Franks Wort, der abstreitet, dass es zu dieser Tat kam und das Gegenteil behauptet: dass Monika sich ihm „förmlich an den Hals geworfen hat“.

 

Der Täter wird in der Handlung als emotional gebeutelter Mensch porträtiert (wobei seine „Beutelungen“ durchaus nebulös bleiben und abgehandelt werden, aber das muss dann auch schon reichen, um seine Tat zu rechtfertigen, es drückte ihn halt ein wenig der Schuh und wenn man es so schwer hat, kann man als Mann dann auch schon mal zum Vergewaltiger werden, is klar, ne?!) und schon hier fragt man sich, warum es sich schon wieder um die Befindlichkeit des Täters dreht anstatt die des Opfers, denn, ernsthaft, welche Art der Kindheit sollte denn das Verbrechen des Täters rechtfertigen?

 

Der erste zynische Knotenpunkt in Ku’damm 56 ist der, als der Täter auf einem der über die Erlaubnis der Mutter erzwungenen Ausflüge das Opfer an einem See fragt, wovon es träume.

Das ist der Moment, in dem ich fast vom Stuhl gefallen bin, da ich den Grad an Zynismus, ja fast schon Sadismus der Erzählung nicht mehr fassen konnte.

Was hätte darauf wohl die Antwort sein können? Hm, lass mich mal überlegen: „Nicht von dir oder irgend einem Mann vergewaltigt zu werden ?!“

 

Dass das aber auch noch der Moment ist, in dem die Handlung völlig ins ad absurdum kippt, nämlich Monika beginnt, sich in ihren Vergewaltiger zu verlieben, ist eine ekelhafte, frauenfeindliche, vergewaltigungsverharmlosende, widerliche Storyline, die mir die Fassung raubt.

 

Der Film, der von der beginnenden Emanzipation der Frau erzählen sollte, erzählt in Wahrheit

die reaktionärste aller Geschichten: Dass Nein irgendwie ja doch Ja heißt und selbst wenn es wirklich Nein geheißen hat, es dann trotzdem schon irgendwie ok ist, -später.

 

Der krönende Abschluss dieses widerlichen, frauenfeindlichen Mistes ist das Finale der Fortsetzung Ku’damm 59, in dem die Protagonistin dann glücklich mit einem debilen Grinsen im Gesicht ihren Vergewaltiger heiratet.

Ich konnte nicht fassen, wer solch einen Müll im Jahre 2018 verfasst, selbst wenn diese Erzählung eine Zeit darstellen soll, die deutlich andere Strukturen portraitiert. Für mich mutet das wie eine Verhöhnung der damaligen Frauen und ihres Intellekts an, denen man offensichtlich solch eine Idiotie unterstellt, dass sie fröhlich und freiwillig ihre Vergewaltiger heirateten- ist doch nicht so schlimm, Schwamm drüber, der Typ hatte bestimmt nur einen schlechten Tag!

Und nun das Allertraurigste daran- der Verbrecher dieses Drehbuchs, der uns solch eine respektlose Abhandlung über Frauenleben in den 50igern vor die Füße rotzt ist: eine Frau.

 

Das ist der eigentliche und für mich grausame Höhepunkt dieser Reihe: frauenfeindlicher Mist, verfasst von einer Frau.

Dass wir hier eine Filmreihe sehen sollen, die sich mit den gesellschaftlichen Machtstrukturen einer anderen Zeit auseinandersetzt, ist hierbei klar. Was uns jedoch die Erzählung über die Vergewaltigung der Protagonistin sagt, ist eins: Annette Hess, du bist gefangen in Misogynie und deiner Protagonistin diese völlig verdrehte innere Wandlung zuzumuten ist verhöhnend, frauenfeindlich und damit die reaktionärste aller Darstellungen - und damit ganz einfach nicht zu fassen im Jahre 2018!

Diese Erzählung ist schlicht und ergreifend ekelerregend und nicht nachvollziehbar.

You failed us, Annette Hess. Und nicht nur uns -die jungen Frauen, sondern alle und besonders die, die portraitiert werden sollten.

 

Nein heißt niemals Ja. Es hieß noch nie „eigentlich doch Ja“, wenn ein Nein ausgesprochen wurde.

Ein nicht akzeptiertes und respektiertes Nein bedeutet sexualisierte Gewalt, Misogynie und die Ausübung einer strukturell angelegten Machtdynamik.

Es nennt sich Vergewaltigung und Vergewaltigung ist ein Verbrechen.

Das Hinnehmen dieser und deren Umkehrung in eine Liebesgeschichte, die dieses Verbrechen romantisiert, ist eine Verhöhnung all derer, die Opfer von sexualisierter Gewalt geworden sind und ein Armutszeugnis für die Autorin, die offenbar selbst der herrschenden Misogynie zum Opfer gefallen ist.

Ich kenne kein Vergewaltigungsopfer, das sich jemals in seinen Vergewaltiger verliebt hat.

Ich kenne tief traumatisierte Frauen, deren Geschichte eine klaffende Wunde in ihnen hinterlassen hat, die niemals wieder zu schließen sein wird, für die es jedoch irgendwann wieder möglich wurde trotz und mit dieser klaffenden Wunde und diesem Trauma gigantischen Ausmaßes ein Leben zu führen.

Annette Hess, du hättest uns eine Protagonistin liefern können, die gezwungen wird, ihren Vergewaltiger zu heiraten, die in diesem Widerspruch leben muss & sich nun in der erzwungen Ehe versucht vor ihrem Peiniger zu schützen. Was wohl sehr viel näher dran an der Wahrheit und den damaligen Geschichten gewesen wäre.

 

Uns aber eine Hauptfigur zu servieren, die sich freiwillig in das frauenfeindliche und -verachtende Bild einfügt, nämlich, dass es ein freudiges Ereignis ist, seinen Vergewaltiger zu heiraten-

das ist eine Beleidigung aller Frauen, eine Beleidigung unseres Intellekts und ein Manifest der Frauenfeindlichkeit. Traurig, dass solch geistiger Müll heutzutage Sendezeit und Produktionsgelder bekommt.